Als eines der wenigen Dinge, die der AStA laut Selbstauskunft in einer der letzten Nummern der Campus Delicti bisher in seiner Amtszeit vollbracht hat, wurde eine Anzeige in der terz gekündigt. Laut dem AStA-Vorsitzenden Phillip Tacer geschah dies, weil mit dieser Anzeige Gelder der verfassten Studierendenschaft an eine „politisch fragwürdige“ Zeitung „verschwendet“ würden. „Politisch fragwürdig“ heißt in diesem Fall nichts weiter als „nicht einer Meinung mit dem AStA-Vorstand“ – der scheinbar sein Handeln nicht bis in die letzte Konsequenz durchdacht hat.
Ob bewusst oder unbewusst hat sich der AStA-Vorstand so aktiv an einer Strategie beteiligt, die ihm und seinen selbst erklärten Zielen entgegenarbeitet und zur Zeit schwer in Mode zu sein scheint: vom erwünschten Mainstream-Denken abweichende Meinungen zu diskreditieren, um Kritik am eigenen Verhalten zu vermeiden, und so seine Macht zu sichern und auszubauen. Anstatt sich mit anderen Meinungen auseinanderzusetzen versucht man, sie durch Verunglimpfungen unglaubwürdig zu machen. Je weniger kritisches Denken gefördert wird, desto einfacher ist es, die eigene Meinung als absolute Wahrheit zu verkaufen, der alle anderen Folgen müssen – aus rein logischen Zwängen versteht sich.
Dass der AStA, obwohl angetreten mit dem Versprechen, gegen die Einführung von Studiengebühren anzugehen, sich nun vor allem damit beschäftigt, zum „Vorteil“ der Studierenden in ihre Verteilung einzugreifen, liegt nicht in mangelndem Willen begründet (der bei der politischen Herkunft der Protagonisten ja nahe läge), sondern es liegt daran, dass es keine andere Möglichkeit mehr gibt. Verkaufen tun sie es als eine Art „Zwang“, dem sie ausgeliefert sind: Zu den (schlecht beworbenen) Demos ist ja kaum einer gekommen, also wollen die Studierenden der HHU wohl nicht mehr protestieren. Natürlich, wenn man die Verbindungen dorthin, wo sich noch Protest regt, ob innerhalb oder außerhalb der Uni aus politischen Vorurteilshaltungen oder persönlichen Antipathien heraus kappt, kann es auch nicht klappen.
Sie wollen uns erzählen, sie hätten eine Seele
Auf dieselbe Art und Weise werden der Gesellschaft Studiengebühren verkauft, Sozialabbau, Einschränkungen von Freiheit und Bürgerrechten, die angebliche Notwendigkeit einer Elite, die die Gesellschaft führt; die Liste könnte man noch lange weiterführen. Begleitet und möglich gemacht wird das Ganze von einer Mischung aus netter, anspruchsloser Unterhaltung, um die Menschen bei Laune zu halten, wie man auch an der Uni sehr gut beobachten kann:
Anstatt selbstständig zu denken und kritisch zu hinterfragen sollen Studierende heute lieber brav gehorchen. Studieren, ehemals gedacht als das Erlernen der Grundlagen und Techniken, die man benötigt, um selbst und vor allem selbstständig neue Erkenntnisse für sich und andere zu gewinnen, verkommt für die Meisten aus finanziellen Gründen und dank der restriktiven Zulassungspolitik in den Master-Studiengängen zu einem dreijährigen Auswendiglern-Marathon. Natürlich produziert Wissenschaft weiterhin Ergebnisse, aber dank geschickter Steuerung nur noch solche, die „gewollt“ sind und nicht dem widersprechen, was im Interesse der „Elite“ ist.
Anstatt selbst kreativ zu werden, eigene Ideen in die Tat umzusetzen und so möglicherweise etwas neues in Gang zu bringen sollen wir unsere Freizeit mit Konsum füllen: Kreditkarten für Studierende, früher undenkbar, denn Studierende sind aufgrund der Höhe ihres Einkommens eigentlich nicht die bevorzugten Partner für solche Geschäfte, heute im Doppelpack vor der Mensa erhältlich fürs „Shoppen bis das Bafög weg ist“ (wozu sonst könnte man es auch brauchen?) für den Nachmittag, und der Abend gehört der „Studentenparty“ die sich einzig und allein dadurch von anderen durchschnittlichen Parties abhebt, dass man mit Studentenausweis weniger Eintritt bezahlt. Und sollte beim einen oder anderen doch noch ein klitzekleines Fünkchen Rebellion im Unterbewusstsein glimmen, löscht man es mit einem mit Revolutions-Ästhetik aufgepeppten Plakat, auch wenn zwischen Aufmachung und Inhalt keinerlei Zusammenhang besteht.
Was aus dieser Taktik folgt, wenn sie erfolgreich ist, ist eine Herde unkritischer, willig folgender Schäfchen, die sich zwar gut beherrschen lassen, aber mit denen nicht viel anzufangen ist. Dafür verlassen sie sich auf die Mächtigen und nehmen hin. So stellt man also heutzutage ganze Gesellschaften ruhig.
Willst Du mitspielen?
Wer sich, wie wir, nicht ruhig stellen lassen will, sich nicht mit erfundenen Zwängen abfinden, wegsehen oder gar offenen Auges Teil einer meinungslosen, willigen Herde werden will, die brav ihren Anführern folgt, dem stellt sich die Frage: was tun?
In den letzten Jahren wurde an den Hochschulen viel protestiert, genützt hat es auf den ersten Blick wenig. Bis auf vereinzelte kleine Siege wie an der FH Düsseldorf mussten die Studierenden eine Niederlage nach der anderen einstecken und immer wieder erleben, wie all ihre Forderungen und Argumente ignoriert wurden. Aber es kamen einige alte Weisheiten wieder zu Tage, die schon fast nur noch leere Phrasen zu sein schienen. Wer auf einer der großen Demos war, hat erlebt wie „gemeinsam sind wir stark“ sich wirklich anfühlt. Wer sich aktiv an den Protesten beteiligt hat weiß, dass es zwar aufwändig und anstrengend, aber doch sehr viel einfacher ist als es oft den Anschein hat, selbst etwas auf die Beine zu stellen.
Letzten Endes ist es (noch) unsere eigene Entscheidung, ob wir das Spiel mitspielen oder nicht. Ob wir versuchen, unseren Frust im Konsum zu ersticken oder die Möglichkeiten, die uns immer noch zur Verfügung stehen und unsere Fähigkeiten dazu nutzen, unser Leben und unser Umfeld aktiv zu gestalten. Ob wir widerspruchslos selbst Tippfehler der Dozenten abschreiben oder ob wir unser Gehirn einschalten und auch mal nachhaken. Ob wir abends beim Feiern Teil der Masse sind oder ob wir nicht vielleicht doch lieber mal beim Fachschaftsrat anklopfen und fragen, ob die noch Hilfe bei der nächsten SP-Saal-Party gebrauchen können und so Teil der Party werden. Ob wir unsere Neugier und unseren Erfahrungshorizont auf Hörsaal und Bibliothek beschränken und uns in den immer enger werdenden Grenzen der Hochschule einigeln oder ob wir über den Tellerrand schauen und Verbindung zur „Außenwelt“ aufnehmen, die, auch wenn man uns das Gegenteil weismachen will, auch unsere Welt ist und die Hochschule nur ein Teil davon.
Es ist nicht so, dass wir das Rad neu erfinden müssten. Infrastruktur und Know-how sind ausreichend direkt vor unserer Nase vorhanden. Das Kulturreferat im AStA, der SP-Saal, das Hochschulradio, Oase, Campus Delicti, Gruppen und Initiativen zu allen möglichen Themen innerhalb und außerhalb der Uni – Möglichkeiten gibt es genug, selbst etwas zu tun anstatt die tägliche Dosis Soma zu schlucken. Es sollte für jeden Geschmack und jedes Talent etwas dabei sein.
Die Vorteile liegen auf der Hand: Nicht nur, dass es Spaß macht und man auf diese Art und Weise Erfahrungen macht, die einen weiterbringen und durch keine Lehrveranstaltung zu ersetzen oder zu vermitteln wären, egal wie viele Creditpoints man dafür bekommt, man lernt sich untereinander besser kennen, kann neue Verbindungen innerhalb und außerhalb der Hochschule knüpfen, aus denen wiederum etwas neues entstehen kann. Und jedes dieser kleinen Dinge steht wiederum dem entgegen, was auch dem Durchsetzen der Forderungen der Studierenden entgegensteht, und verhindert, dass sich unsere Gesellschaft endgültig in eine Herde Schafe verwandelt, die widerstandslos zur Schlachtbank geführt wird und letzten Endes jedem Einzelnen wieder mehr Möglichkeiten eröffnet, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Eine wirklich lebendige (studentische) Kultur bringt viele Vorteile mit sich, die man nicht nur an verschiedenen anderen Hochschulen beobachten kann.
Unsere Leidenschaft ist ihnen rätselhaft
Während und seit den Protesten schielen viele nach Frankreich – Vergleiche werden gezogen, Fragen gestellt, die einen fordern „französische Verhältnisse“ die anderen fürchten sie. Und beide meinen brennende Autos, Mülltonnen, Straßenschlachten mit der Polizei. Darin liegt aber nicht die Kraft begründet, die die Riots in den Banlieues hatten, diese Dinge waren nur der Ausdruck der Wut. Diejenigen, die unseren Interessen entgegenstehen, haben erkannt, welche Rolle Kultur für das Durchsetzen der eigenen Interessen spielt – man kann es lesen in der Art und Weise, wie Politiker mit ihren Wählern kommunizieren oder in dem, was Firmen veranstalten, um ihre Produkte unter das Volk zu bringen – das Autohaus an der Ecke, das eine Art Volksfest mit Grillwürstchen und Bier veranstaltet um seinen Umsatz zu steigern, große Konzerne, die via Marketing ihrer Zielgruppe vorgaukeln, bestimmte kulturell als erstrebenswert eingestufte Eigenschaften durch den Kauf ihrer Produkte erwerben zu können - Parteien, die mit Aussehen und Spaßfaktor ihrer Kandidaten statt mit Inhalten Wahlkampf machen. Kultur bestimmt das Zusammenleben der Menschen und somit auch die Politik, die sie machen. Andersherum bestimmt die Politik aber auch die Möglichkeiten der Kultur. So lange wir also die Möglichkeiten haben, die wir nicht zuletzt auch der Tatsache verdanken, dass Studierende einst eine progressive gesellschaftliche Kraft dargestellt haben, die ihre Forderungen durchsetzen konnte und dies auch getan hat, sollten wir sie nutzen und so versuchen, uns genau diese Rolle zurück zu erobern. Angefangen bei unserer Uni bis hin zu unserer Zukunft.
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