„Können wir jetzt endlich diskutieren??“

Am 16.1. fand im Hörsaal 3F eine Podiumsdiskussion zum Thema CHE-Hochschulranking statt. Das CHE (Zentrum für Hochschulentwicklung) ist in den letzten Monaten arg in die Kritik geraten, welche ihren vorläufigen Höhepunkt im Boykott-Aufruf der ASFH Berlin fand. Alle Schweizer und auch Österreichische Universitäten traten aus dem Hochschulranking aus. An der Podiumsdiskussion nahmen Professor Dr. Baurmann (Geschäftsführer des sozialwissenschaftlichen Instituts), Petra Giebisch (CHE), Thorsten Bultmann (Bund demokratischer WissenschaftlerInnen) und Andrea Remmers (ASTA-Vorsitzende der ASFH Berlin) teil.

Nach der Vorstellung des CHE-Rankings durch Petra Giebisch, die durchaus ausführlich, aber auch subjektiv und wertend war, folgten einleitende Sätze von Andrea Remmers, in welchen sie den Ausstieg ihrer Hochschule aus dem Ranking mit der Rolle des Bertelsmann-Konzerns im Hintergrund des CHE begründet.

Torsten Bultmann stellte den einflussnehmenden Charakter des Rankings in Kontext mit dem Rückzug des Staates aus der Hochschulfinanzierung und sprach von „einer Sau, die man durch ständiges wiegen fetter macht, ohne sie füttern zu müssen“. Es werde die Illusion geschaffen, dass Hochschulen alleine durch einen künstlich geschaffenen Wettbewerb, ohne zusätzliche Gelder eine qualitative Verbesserung erreichen können.

Eben jene dringend benötigten Finanzmittel erhalten aber nur die besonders gut gerankten Universitäten, während angeblich schlechteren leer ausgehen. Die bittere Folge: Die Schere geht noch weiter auseinander. Kein Wunder, dass solche Argumente Prof. Dr. Alemann nicht gerade gefallen, denn als Dekan der Philosophischen Fakultät müsste er zwar eigentlich um die Ungleichheit in der Verteilung der Gelder wissen, gerade im Bereich der ökonomisch anscheinend nicht genügend verwertbaren Geisteswissenschaften, seine eigentliche Loyalität gilt aber anscheinend seinem Fachbereich, den Sozialwissenschaften. Und diese landen seit Jahren im Spitzenfeld des Rankings, was sich finanziell enorm positiv niederschlägt. So versuchte der Dekan denn auch aus dem Publikum heraus die unliebsamen Ausführungen mit dem Ausruf „Können wir jetzt endlich diskutieren?“ zu unterbrechen, was aber von Torsten Bultmann souverän abgeblockt wurde („Ich rede zu Ende wie alle anderen auch“). Obwohl die Fixierung der Hochschulleitung auf ökonomische Fragen bekannt ist, verwundert das Verhalten von Alemann umso mehr nachdem er unmittelbar darauf bereits wieder verschwunden war.

Nach dem der Dekan seinen Platz geräumt hatte, ging es schlussendlich mit der eigentlichen Diskussion los. Fragen wurden gestellt und beantwortet. Heftige Diskussionen kamen auf, bei welchen die studentische Position, gegen das CHE-Ranking deutlich wurde. Nicht das bloße Bewerten von Studienbedingungen seitens der Studierenden, sondern vielmehr die Stellung des CHE in der Wirtschaft, sowie die politische Relevanz des Rankings ist der Kritikpunkt.

Durch die offensichtliche Verbindung vom CHE zum Bertelsmann-Konzern bzw. zur Bertelsmann-Stiftung wird klar, wer hier versucht in Fragen Bildungspolitik die Fäden zu ziehen: Die Wirtschaft. Bertelsmann. Schon kurz nach der Gründung des CHE im Jahr 1994 wurde ein Hochschul-Konzept vorgelegt, was Studiengebühren vorsah.Ebenso wird die Ökonomisierung der Hochschulen vom CHE forciert, wie sich insbesondere am, teilweise im Wortlaut vom nordrheinwestfälischen Innovationsminister Pinkwart übernommenen Hochschulfreiheitsgesetz erkennen lässt, welches nach dem Modell der „Entfesselten Hochschule“ Machtbefugnisse von demokratischen Institutionen auf externe Hochschulräte aus der Wirtschaft umverteilt. Die „Entfesselt Hochschule“ dient als Leitfaden für das CHE. Einmal mehr wird gezeigt, wie Politik und Wirtschaft anti-demokratisch zusammenarbeiten.

Nach Willen des CHE sollten Studierende zukünftig zu Aktiengesellschaften werden, an denen die Größen der Wirtschaft ihren Anteil haben. Durch hohe Verschuldung der Studierenden sind sie nach dem Studium gezwungen, eine Menge Geld an einige wenige Gewinner dieser neoliberalen Hochschulpolitik abzutreten. Die Wirtschaft. Bertelsmann. Der Konzern, der momentan mit dem CHE-Ranking die Fäden in der Hand hält, und entscheiden kann, welche Hochschule wie viel Geld bekommt. Denn das CHE-Ranking ist längst zum politischen Instrument geworden. Kein Wunder also, dass die RWTH Aachen seit Jahren am meisten Fördergelder bekommt, und gleichzeitig jedes Mal im CHE-Ranking führt, während Unis die beispielsweise in Kriterien wie „Career Center“ oder „Beirat aus der Praxis“ (sprich: Wirtschaft) wesentlich schlechter abschneiden, Stellen oder sogar ganze Fachbereiche streichen müssen. Auf eine solche nach den Hintergründen fragende Debatte wollte Prof. Dr. Baurmann sich erst gar nicht einlassen und forderte vehement dazu auf, nur über das Ranking an sich zu diskutieren, wovon er aber trotz bemühtem Gestikulieren niemanden überzeugen konnte. Schon gar nicht die Studierenden aus dem Publikum, die schnell zeigten dass sie sich ihre Themen nicht vorschreiben lassen und einen weiten Bogen schlugen, indem sie das Ranking in einen Kontext mit einem immer Weiterschreitenden und entschiedenen abzulehnenden Neoliberalismus stellten. Nach insgesamt durchaus anregenden zweieinhalb Stunden musste der Diskussionsleiter Björn Siebert vom Hochschulradio die Debatte beenden und ließ jeden der vier Diskussionsteilnehmer noch eine Schlussrede halten. Während Andrea Remmers noch einmal den Zusammenhang zum Bertelsmann-Konzern als Grundlage ihrer Ablehnung des Rankings betonte und zu einem andauernden bundesweiten Boykott aufrief, erinnerte Torsten Bultmann an die Verantwortung der Politik, die letztendlich alleiniger Entscheidungsträger sei und deswegen bei aller berechtigten Kritik am CHE „nicht aus der Schusslinie“ gelassen werden dürfe. Eine Forderung, der die anwesenden Studierenden hoffentlich nachkommen werden. Am interessantesten, da sich ständig widersprechend, erwiesen sich jedoch die Äußerungen von Prof. Dr. Baurmann. So versuchte er das Ranking als Kontrolle von Studierenden über die Finanzmittel darzustellen und verteidigte gleichzeitig eine Institution die verantwortlich dafür war, dass diese Kontrolle vom Senat in die Hände der Wirtschaft gelegt wurde. Ins Lächerliche glitt dann sein Schlusswort über, in dem er die Studierenden mit Erinnerungen an seine Studentenzeit in den Sechzigern beglücken wollte, was aus dem Publikum mit lautem Gelächter und höhnischen Bemerkungen („Mein Studentenfüher!“) quittiert wurde. Ein kleiner Revoluzzer der sich „gefreut hätte, wenn uns damals jemand nach unserer Meinung gefragt hätte“? Eine durchaus amüsante Vorstellung aus dem Nähkästchen von Prof. Dr. Baurmann, aber so langsam sollte er einsehen, dass es uns als StudentInnen nicht genügt in Rankings nach unserer Zufriedenheit befragt zu werden, sondern dass wir diese selber herstellen wollen.

Autonom und basisdemokratisch, ohne Hochschulrat und freie Wirtschaft!

Fazit: Entweder man boykottiert das Ranking, oder viel Spaß in der „Entfesselten Hochschule“

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