Über das Referat für Irrationales und Antidings

Am Donnerstag fand im Rahmen einer Veranstaltungsreihe des Referats für Internationales und Antifaschismus eine Aufführung des Filmes „Terrorstorm“ statt. Daran gibt es nichts auszusetzen. Im Gegenteil gehört es durchaus zum Aufgabenbereich dieses Referats, auf rechtsradikales Gedankengut, wie es in „Terrorstorm“ vertreten wird, aufmerksam zu machen, es zu erklären und kritisch auseinander zu nehmen. Doch die Ankündigung der Veranstaltung machte stutzig. Statt des Namens eines Referenten, dessen Aufgabe es wäre, den Film kritisch zu kommentieren, fand sich nur ein Text, der dem Film attestiert, die „wahre Geschichte vergangener Anschläge“ offen zu legen. Die verblüffende Wahrheit ist: Der Film wurde tatsächlich völlig unkritisch und affirmativ präsentiert. Auf die Nachfrage von MSB-Leuten, ob es sich tatsächlich nicht um ein Missverständnis handle, hieß es seitens eines der verantwortlichen Referenten, dass man den Film interessant finde, ihn sich mehrfach angesehen habe, und mit der Vorführung für gewisse Dinge ein „Bewusstsein wecken“ (!) wolle. Dass sich die Veranstalter auch durch eindringliches Zureden und Benennung der wichtigsten Kritikpunkte nicht davon abhalten ließen, einen tendenziell rechtsradikalen Film zu zeigen, kann man, wenn überhaupt, nur als traurige Realsatire verstehen.

Dass Alex Jones, der Regisseur besagten Filmes, ein sehr nationalbewusster, konservativer, christlicher Rechter ist – geschenkt. Das allein hätte allenfalls Linke gestört, aber die spielen in der derzeitigen Besetzung der AStA-Referate keine Rolle. Die Inhalte, Darstellungsweisen und Implikationen des Filmes jedoch sollten bei jedem, der sich nicht der extremen Rechten zugehörig fühlt, Anstoß erregen. Der Streifen hangelt sich entlang sehr „eigenwilliger“ Interpretationen verschiedener historischer und aktueller Ereignisse und schwingt sich dann zu einer kruden und gefährlichen Verschwörungstheorie auf.

Das erste Thema, über das sich die Macher des Filmes hermachen, ist der Reichstagsbrand von 1933. Die Versicherung, bezüglich der zunächst behandelten historischen Geschehnisse, sei nicht debattierbar, dass es sich um „regierungs-gesponsorten Terror“ gehandelt habe, wird mit Bildern des brennenden Reichstages untermalt. Ginge es um ein weniger ernstes Thema, hätte die Szene fast komische Qualitäten, gibt es doch nur wenige Ereignisse, über deren Hergang unter Historikern eifriger gestritten wurde und wird. Aber der Unwahrheiten und Verdrehungen sind so viele in diesem Film, dass diese hier einige Filmminuten später ganz und gar nichtig erscheint.

Beispielsweise fällt kurz darauf der Satz: „Hitler benutzte die Krise, die er selbst geschaffen hatte, um Gesetze verabschieden zu können, welche dem USA PATRIOT Act ähnlich sind.“ Was hat man sich vorzustellen unter diesem Bewusstsein, das die verantwortlichen Referenten mit solchen Botschaften nach eigener Aussage wecken wollen? Ein Bewusstsein, in dem Relativierung des Nationalsozialismus und stumpfer Antiamerikanismus so eng ineinander verschränkt existieren, wie in dem zitierten Satz? Es wirft schon ein hässliches Licht auf die (aus völlig anderen Gründen ohnehin fragwürdige) Reiseveranstaltung des Referats nach Prag und Theresienstadt, wenn man nun vermuten muss, dass manche Teilnehmer sich dort über einen historischen Vorläufer von Guantánamo Bay zu informieren glaubten.

Aber in genau diesem Sinne prasseln in „Terrorstorm“ weiter Worte und Bilder auf den Zuschauer ein. Die Opfer der Shoah tauchen hier lediglich als Tote in einem alptraumhaften Krieg auf und nicht als die Opfer einer systematischen Vernichtung – eine Vernichtung, die ihre Wurzeln in einem mörderischen, von Verschwörungswahn unterfüttertem, Antisemitismus hatte.

Neben derartigen Verharmlosungen, die der Film quasi nebenher, aber keineswegs zufällig betreibt, stellt das hauptsächliche Problem dar, auf welches Erklärungsmodell der Streifen in allen seinen Behauptungen hinsteuert. Der Film versucht zu beweisen, wie Operationen „unter falscher Flagge” – also die Ausübung von Terror gegen die eigene Seite, um den politischen Gegner dafür verantwortlich zu machen – die Politik dieses und des vorangegangenen Jahrhunderts bestimmt hätten und weiterhin bestimmen würden. Ginge es dabei tatsächlich nur um eine Untersuchung (zeit-)geschichtlicher Ereignisse abseits der Erklärungsmuster des Mainstreams, wäre der Film zwar noch immer fragwürdig, aber weit weniger gefährlich, als er ist.

Das tatsächliche Beweisziel von „Terrorstorm“ ist nämlich noch viel gewagter. Was der Regisseur Alex Jones seit Jahren und eben auch in diesem Film propagiert, ist nicht allein, dass Regierungen sich solcher Strategien bedienten, um nationale Interessen durchzusetzen, sondern dass in Wahrheit hinter all diesen Regierungen eine „globale Elite“ stehe, die im Verborgenen die Strippen ziehe. Damit ist die Grenze von harmloser Spinnerei zu gefährlichem Verschwörungswahn weit überschritten. Es geht tatsächlich darum, Fakten systematisch auf ein bestimmtes Weltbild hin zurechtzubiegen, wie es sich nach altbekanntem Muster immer wieder in dafür anfällige Kopf schleicht. Weil es so viel einfacher ist, sich einen bösen Menschen vorzustellen, als „böse“ Wirkmechanismen gedanklich zu durchdringen, stirbt die stupide Idee nicht aus, man könne die Schuld an allem Unheil auf eine bestimmte Personengruppe abwälzen.

In der Behauptung von Verschwörungstheoretikern wie Alex Jones, die verborgenen Machthaber konstruierten künstliche Feindbilder, spiegelt sich nur ihr eigenes Bedürfnis nach konkreten Verursachern der ihnen missfallenden Zustände wider. In dieser simplen, zweidimensionalen Logik bleiben sie unrettbar gefangen und das komplexe Zusammenspiel von individuellem Handeln und gesamtgesellschaftlichem Kontext wird verstümmelt, um in ein archaisches Gut-Böse-Schema zu passen. Um an dieser Stelle ein Gegenbeispiel zu geben, wie Denken aussehen kann, das sowohl individuelle Verantwortung, als auch die Zusammenhänge, in denen sie steht, reflektiert: Selbstverständlich war die Fehleinschätzung dieses Filmes persönliche (drücken wir es sehr höflich aus) Schusseligkeit der zuständigen Referenten. Gleichzeitig ist aber auch wahr, dass in jeder politischen Ausrichtung, die die fundamentalen Schwächen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung leugnet, der verführerische, falsche Ausweg angelegt ist, die unübersehbaren Missstände, statt den Verhältnissen, dem Wirken von „schädlichen Elementen“ in der Gesellschaft anzulasten.

Weil das Thema so sensibel ist, wie es die, die das hier angeht, ihm gegenüber gerade nicht sind, sei hier noch einmal unmissverständlich gesagt, worum es uns geht und worum nicht. Der Vorwurf lautet ausdrücklich nicht, dass das Referat für Internationales und Antifa aus Leuten bestünde, die generell für rechtsradikales und antisemitisches Gedankengut offen seien. Der Vorwurf lautet: Das Referat für Internationales und Antifa der Juso-LHG-Koalition zeigte (aus welchen Gründen auch immer) einen Film, der die Verharmlosung von Nationalsozialismus und Shoah kombiniert mit der Propagierung eines Weltbildes, das zwar nicht gleich antisemitisch ist, sich mit der „Mutter aller Verschwörungstheorien“ allerdings grundlegende Denkfehler teilt.

Falls es wirklich noch weiterer Punkte bedarf, um diesen Film auch in den Augen des letzte Zweiflers zu diskreditieren: Die angeblichen Drahtzieher hinter der in „Terrorstorm“ halluzinierten Verschwörung werden unter anderem als „parasitäre Meister“ und „raubtierhafte Control-Freaks“ bezeichnet. Den vermeintlichen Verschwörer wird sprachlich also sogar ihr Menschsein abgesprochen, wiederum in abstoßend vorbelasteter Tradition. Ein Kommentar zur der Vorstellung, es handele sich gar um „Parasiten“, erübrigt sich. Konkreter, um wen es sich bei den Verschwörern genau handeln soll, wird Jones in diesem Film nicht, in anderen allerdings schon. In seiner stark christlich geprägten Sicht werden die heimlichen Herrscher der Welt durch eine gemeinsame, bösartige Religion zusammengeschweißt. Diese setze sich zusammen aus satanistischen, ägyptisch-babylonischen und (man ahnt es schon) „kabbalistischen“ Elementen. Man darf sich das ruhig noch einmal auf der Zunge zergehen lassen: Da halluziniert sich ein rechter Spinner herbei, die Geschicke der Welt lägen in den Händen von satanistischen (übrigens auch vornehmlich homosexuellen) Kuttenträgern und die geschätzten Referenten hängen mit neugierigen Kulleraugen an seinen Lippen.

Dass Jones Antisemitismus nach eigener Aussage ablehnt, ändert rein gar nichts daran, wie nahe er inhaltlich antisemitischen Wahnvorstellungen kommt und erst recht nichts an der Wirkung und Rezeption seiner Filme. So findet „Terrorstorm“ großen Anklang bei Faschisten jeder Couleur und ist beispielsweise auf der Homepage des rechtsextremistischen Esoterikers Jan Udo Holey abrufbar. Mehrere von Holeys Büchern wurden wegen antisemitischer Volksverhetzung verboten. Die offizielle deutsche Synchronisation des Filmes erledigte das Team von „infokrieg.tv“, über deren Homepage ein Buch zu beziehen ist, dessen Cover Deutschland in den Grenzen von 1914 zeigt und das laut Inhaltsangabe allerhand Ausführungen zur angeblichen Fremdbestimmung der BRD beizutragen habe.

Nur auf ein paar wenige der unappetitlichen Inhalte und Hintergründe dieses Filmes konnten hier Schlaglichter geworfen werden. Es bleibt bei der wahnwitzigen Situation, dass das aktuelle Referat für Internationales und Antifa in eigenen Veranstaltungen Filme zeigt, gegen deren Aufführung ein Referat, das seinen Aufgaben auch nur ansatzweise gerecht werden will, entschlossen Protest organisieren müsste.

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